Nächste Seite: Warum sollte man überhaupt
Aufwärts: PGP generell
Vorherige Seite: PGP generell
O selige Tage der Kindheit! Wie ein Wind sind sie vergangen, glückliche
Jugend, wie schnell ist sie dahin!
YPS, Kenner werden wissen, was ich meine. Die Spezial-Agenten-Sets. Ich war
auch einer. Mit Ausweis. Und den Verschlüsselungstabellen. Die Micky
Maus-Hefte hatten später auch sowas, aber Micky war was für Babies. Wir
YPS-Spezial-Agenten waren cooler.
Für all die traurigen Gestalten, an denen dieser nostalgische Blick in die
Vergangenheit völlig spurlos vorbeirauschte und allenfalls ein
verständnisloses Kopfschütteln hervorrief, kommt jetzt der ernsthafte
Teil,
zu dem die ersten Sätze eigentlich einleiten sollten:
Viele werden in ihrer Kindheit einmal mit Verschlüsselungstabellen
herumgespielt haben. In den einfachsten Fällen ersetzte man hier Buchstaben
durch Zahlen oder irgendwelche Symbole oder permutierte einfach das
Alphabet. In komplizierteren Fällen nahm man für jeden zu codierenden
Buchstaben eine neue Tabelle, die aus der alten durch irgendeine Operation
hervorging. So unentwirrbar der erzeugte Code auch sein mochte, einen
prinzipiellen Nachteil hatten alle diese Methoden: Es gab einen geheimen
Schlüssel, mit dem man sowohl codierte als auch decodierte. Egal, wie gut ein
Verschlüsselungsverfahren auch sonst war - bevor man die erste
Botschaft verschicken konnte, musste man den geheimen Schlüssel irgenwie
transportieren. Wurde der Schlüssel abgefangen (zum Beispiel von den doofen
Micky-Maus-Detektiven, und jetzt Schluss damit, versprochen), war der
Schlüssel wertlos, und man musste sich einen neuen Weg ausdenken.
PGP setzt nun auf einem Verfahren auf, das den Transport eines geheimen
Schlüssels über unsichere Kanäle (um mal ein bisschen Vokabular ins Spiel
zu bringen) überflüssig macht. Im Gegenteil: Der zum Codieren einer
Nachricht nötige Schlüssel sollte sogar so öffentlich wie nur irgend
möglich gemacht werden. Je überprüfbarer die Aussage ,,Der Schlüssel abc
gehört Alice`` für jeden ist, umso besser. Warum?
Weil man den Schlüssel nur zum Verschlüss<eln, nicht jedoch zum
Entschlüsseln nutzen kann. Zum Entschlüsseln braucht man
weiterhin einen geheimen, einen ,,privaten`` Schlüssel. Da dies alles jetzt
etwas magisch klingt, beschreibe ich grob das Verfahren. Hauptakteure sind
Alice und Bob, wobei die Namen nicht ganz zufällig gewählt sind, sondern
traditionell für Sender und Empfänger einer Nachricht verwendet
werden. Alice will also Bob eine Nachricht schicken.
- Damit sie dies machen kann, muss Bob ein Schlüsselpaar
generieren. Dieses besteht aus seinem privaten und dem öffentlichen
Schlüssel. Beide gehören eindeutig zusammen. Was hier genau auf
mathematischer Ebene passiert und warum das alles auch funktioniert, bitte
ich der Fachliteratur zu entnehmen. Mir geht es hier nur um die Anwendung.
- Den privaten Schlüssel bewahrt Bob so sorgfältig wie nur irgend
möglich auf. Er darf auf keinen Fall in unbefugte Hände gelangen. Ist
Bob besonders paranoid, speichert er den Schlüssel nicht einmal auf
seiner Festplatte, sondern auf einer Diskette, die er nur zum eigentlichen
Verschlüsselungsvorgang einlegt und nimmt diese auf einer
Maschine vor, auf der nur das Verschlüsselungsprogramm läuft und die vor
allem
keine Internet-Verbindung hat.
- Den öffentlichen Schlüssel versucht Bob irgendwie an Alice zu
übermitteln. Wichtig ist hier vor allem, dass Alice sicher sein
kann, dass der Schlüssel
- wirklich in exakt dieser Form von Bob generiert wurde und
- auch tatsächlich Bob gehört.
Um dies sicherzustellen, können sich beide an eine vertrauenswürdige
Zertifizierungsstelle wenden, ein Foto in der Zeitung abdrucken, das Bob
zeigt, wie er ein Blatt Papier mit dem Schlüssel hochhält, was auch
immer. Auch hier sind der Paranoia keine Grenzen gesetzt. Notfalls
müssten sich die beiden einmal persönlich treffen, was aber in Zeiten
globaler Kommunikation zunehmend unwahrscheinlicher wird.
- Ist erst einmal dieser kritische Teil erledigt, kann man jetzt
verhältnismäßig schlurig vorgehen. Alice hat nun Bobs öffentlichen
Schlüssel. Diesen benutzt sie, um ihre Nachricht an Bob zu
verschlüsseln. Diese codierte Nachricht könnte sie darauf mit einem
Megaphon über den Marktplatz rufen, niemand einschließlich Alice könnte
mit dem Code etwas anfangen -- bis auf Bob.
- Bob wiederum nimmt seinen privaten Schlüssel und bekommt damit aus
Alices Nachricht wieder den Klartext. Er würde bei dieser Gelegenheit
übrigens auch erkennen, ob jemand zwischendurch versucht hat, die
Nachricht zu verfälschen, weil dann das Entschlüsseln zu Problemen
führen würde.
- Aber PGP kann noch mehr. Angenommen, Alice hat ebenfalls ein
Schlüsselpaar generiert und ihren öffentlichen Schlüssel an Bob
übermittelt. Jetzt kann Alice sogar eine Nachricht so unterschreiben,
dass diese einerseits nicht mehr verändert werden kann und gleichzeitig
sicher gestellt ist, dass die Nachricht wirklich von Alice stammt. Zu
diesem Zweck verfasst Alice wieder eine Nachricht an Bob, über die sie
mit Hilfe ihres privaten Schlüssels eine Prüfsumme bildet. Sie schickt
Bob nun die Nachricht und die Prüfsumme. Wenn sie will, kann sie dies
alles zusätzlich auch noch verschlüsseln, braucht sie aber nicht, wenn
sie nur sicher gehen will, dass die Nachricht unverfälscht und
identifizierbar Bob erreicht.
- Bob nimmt jetzt Alices öffentlichen Schlüssel und testet damit
die Prüfsumme unter der erhaltenen Nachricht. Er überprüft, er
ist wohlgemerkt nicht in der Lage, die Summe selbst zu
erzeugen. Fällt der Test positiv aus, weiß Bob zweierlei: Die
Nachricht stammt von Alice, denn nur sie konnte mit ihrem privaten
Schlüssel die Prüfsumme erzeugen, und weiterhin wurde die Nachricht
nicht von einer dritten Person manipuliert, denn sonst würde die
Prüfsumme nicht stimmen.
Nächste Seite: Warum sollte man überhaupt
Aufwärts: PGP generell
Vorherige Seite: PGP generell
Jochim Rolf Selzer
2001-11-05