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Hacker

Eine weitere Fehlgeburt der Hochglanzillustrierten. Glaubt man den Journalisten, so gibt es kaum etwas Bewundernswerteres als Menschen, die Sicherheitssperren überwinden, in gut geschützte Bereiche vordringen und dort den Mächtigen ein Schnippchen schlagen. Wenn ein vollgekiffter Teenie, dessen technische Fähigkeiten gerade einmal ausreichen, um eine AOL-CD ins Laufwerk zu schieben, mit Hilfe eines Programms, das zu schreiben sein Können natürlich weit überschreitet und das er sich deshalb von irgendeiner obskuren ,,Warez``seite geladen hat, in einen Computer eindringt und dort Schaden in Millionenhöhe anrichtet, stilisiert die schreibende Zunft den kleinen Pickeldrücker zum technischen Wunderkind, anstatt sich und dem pubertätsverwirrten Balg ein paar Sitzungen bei einem guten Psychologen zu gönnen. Denn was der Kerl da gemacht hat, ist ein ganz profaner Einbruch, und niemand käme auf die Idee, jemandem, der gerade seine Wohnungstür zertrümmert und den Videorecorder geklaut hat, in tränenerstickter Dankbarkeit die Füße zu küssen, sondern verspürt in der Regel das dringende Bedürfnis, diesem Typen eine ganz konkrete Vorstellung zu davon vermitteln, was Baseballschläger mit Nasenbeinen so alles machen können.

Oft wird gesagt, man müsse den Hackern dankbar sein, weil sie auf Sicherheitslücken hinwiesen. Trotzdem handelt es bei den meisten Hacks weiterhin um ein Verbrechen. Wenn jemand mit Sprengstoff und Schneidbrenner den Tresor einer Bank ausräumt, wird dadurch zwar eine Lücke im Sicherheitssystem deutlich, aber dankbar ist dafür sicherlich niemand. Als eine groß angelegte Denial-of-Service-Attacke im Februar 2000 mehrere amerikanische Internet-Hosts lahmlegte, offenbarte dies selbstverständlich eine Sicherheitslücke, aber eine die bislang im Vertrauen auf ein gewisses Mindestalter im Netz hingenommen wurde. Als am 20. April 1999 der 17-jährige Dylan Klebold und der 18-jährige Eric Harris an der Columbine Highscool in Littleton, Colorado zwölf Schüler, einen Lehrer und anschließend sich selbst erschossen, konzentrierte sich die Öffentlichkeit auch nicht auf die grandiose Sicherheitslücke, die sich da in Form von nicht ausgehändigten schusssicheren Westen und fehlenden Metalldetektoren am Schuleingang offenbarte, sondern eher auf die Ursachen des Amoklaufs27.

Wie so häufig hat auch der Begriff ,,Hacker`` einen ganz anderen Ursprung. Unter einem ,,hack`` versteht man im Englischen eine verblüffend elegante und pfiffige Lösung eines nichttrivialen Problems. Mit Computern hat dies nicht unbedingt etwas zu tun (obwohl natürlich Lichtgestalten wie Konrad Zuse oder Steve Wozniak unbestritten als Hacker gelten28). Mit einer Spielzeugpfeife aus einer Frühstücksflockenpackung die Gebührenzähler der amerikanischen Telefongesellschaften aushebeln, das ist ein Hack -- wenn auch der etwas zwielichtigeren Sorte. Mit einem 30-Euro-Schein einkaufen gehen, das ist ein Hack -- ein dreister.

Wer ist nun ein ,,echter`` Hacker? Schwer zu sagen. Sicherlich nicht die, welche von sich behaupten, es zu sein. Mit echten Hackern ist es in etwa so wie mit den Rosenkreuzern: Keiner, der wirklich dazugehört, würde dies jemals zugeben[Eco92].


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Jochim Rolf Selzer 2003-03-14