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Die wichtigsten Verhaltensregeln

  1. Die Verhaltensregeln kommen nicht von ungefähr. Die meisten Anfänger, vor allem die mit akademischem Hintergrund, meinen, die in jahrelanger Erfahrung entwickelten Regeln gelten nicht für Geistesgrößen wie sie, die Netzwelt habe im Gegenteil begierig auf den Moment gewartet, da sie endlich die Bühne betreten, um der Menschheit zu zeigen, wie sich echte Profis im Netz bewegen.

    Sie könnten kaum falscher liegen.

  2. BRÜLLEN IST OUT. Ein getippter Text hat den Nachteil, von verschiedenen Personen verschieden gelesen zu werden. Um bestimmte Betonungen klarer zu machen, gibt es verschiedene Möglichkeiten, Textteile hervorzuheben: /kursiv/, _unterstrichen_ und *fett*. Darüber hinaus kann man noch Textteile in VERSALIEN setzen. Aber Obacht: Vor allem letzteres gilt im Netz als Brüllen und wird nur in äußerst seltenen Fällen als angemessen angesehen. Noch deutlicher: Finger weg. Die restlichen Betonungszeichen sollten ebenso mit Vorsicht eingesetzt werden. Ebenso ist Vorsicht mit Emoticons, vulgo Smilies angeraten. Eine einfache Faustregel besagt: Ein Smiley pro Absatz ist absolutes Maximum. Auch die beliebten Buchstabenkürzel fangen schnell an zu nerven. Im Chat mögen sie ja noch ganz praktisch sein, in einer Mail hingegen hat man in der Regel genug Zeit, Wörter auszuschreiben.
  3. Die Netzwelt schätzt den dezenten Hinweis. Anstatt ein Fehlverhalten mit wilden Flüchen anzuprangern, gibt es mehrere Möglichkeiten, das Gegenüber mit zarten Tönen zur Besinnung zu bringen. Am meisten Hochachtung genießt hier nach wie vor die unbeeindruckte Höflichkeit. Wer sich einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen kann, hat einige dezente Möglickeiten zur Auswahl. Als Beispiel habe jemand die Frage ,,Wie kann ich unter StarOffice einen Text speichern¿` gestellt.
  4. Betreff-Zeilen sollen aussagekräftig sein. Viele Menschen bekommen inzwischen weit mehr Email als herkömmliche Post. Sie fangen deshalb an, diese nach Wichtigkeit zu sortieren. Eine Mail mit so aussagelosen Betreffs wie ,,Frage`` hat dabei gute Chancen, gleich in der Tonne zu verschwinden. Auf der anderen Seite zeigen viele Mailer auch nur die ersten zwanzig bis dreißig Zeichen einer Betreff-Zeile an. Wenn auch der BILD-Zeitungs-Stil nicht unbedingt zu den Höhepunkten der Sprachkultur zählt: Die Prägnanz einer BILD-Schlagzeile steht einer Betreff-Zeile gut zu Gesicht.
  5. Zitieren -- kurz und prägnant. Bei einem starken Email-Aufkommen kann sich der Absender natürlich auch nicht mehr an jede Zeile, die er irgendwem geschrieben hat, erinnern. Im herkömmlichen Briefverkehr würde man nun kurz anreißen, worauf man sich bezieht und dann darauf eingehen. Bei der Email gilt sowas nicht unbedingt als falsch, aber meistens als altertümlich und schwerfällig. Da die meisten Mailer anbieten, den Text der zu beantwortenden Mail zu zitieren, ist es völlig in Ordnung, einfach die zwei Zeilen, auf die man sich beziehen will, zu zitieren, dieses Zitat mit kleinen Keilen am Zeilenanfang kenntlich zu machen und dann unvermittelt los zu schreiben. Die Kunst liegt hier freilich im richtigen Maß. Einerseits nutzt es niemandem, wenn die Bezugzeilen so knapp aus dem Zusammenhang gerissen werden, dass selbst der Gutmütigste nicht mehr erkennt, worum es eigentlich geht, auf der anderen Seite zeugt es von ausgemachtem Deppentum, eine Mail mit Anrede, Abschiedsformel und Signatur komplett zu zitieren und sie dann vielleicht auch noch mit einem einzigen Satz zu kommentieren (etwa: ,,Sehe ich genau so``).
  6. Englisch ist nicht Deutsch. So trivial diese Erkenntnis, so schwierig ist offenbar ihre Umsetzung. Allzu oft bestehen deutsche Muttersprachler in internationalen Newsgroups darauf, deutsch zu sprechen -- ein böser Fauxpas. Umgekehrt wird in Newsgroups der de.*-Hierarchie ein fremdsprachiger Thread nur in Ausnahmefällen geduldet. Das hat nichts mit Nationalismus zu tun, sondern mit der schlichten Tatsache, dass die Aufteilung des Usenets in internationale und regionale Teile mit dem Grund vorgenommen wurde, Menschen, die nur ihrer jeweiligen Landessprache mächtig sind, Informationsaustausch zu ermöglichen.

    Darüber hinaus zeugt es auch nicht von übermäßigem Verstand, in die deutsche Sprache unnötig viele Fremdworte einfließen zu lassen. Wenn MUD-Begeisterte davon erzählen, wie sie ,,einen Dwarf mit 12 Powerpoints geslayt haben und dabei 8 Coins, ein Leather-Shield und 4 Credits bekommen`` haben, darf man sich ernsthafte Sorgen um den Geisteszustand solcher Leute machen. Natürlich wimmelt es gerade im Computerbereich von englischen Fachausdrücken, die man aus Standardisierungsgründen am besten auch gar nicht erst übersetzt (unvergessen bleiben Stilblüten wie ,,Weichscheibe`` für floppy disc, ,,Datensichtgerät`` für Monitor, und -- mein persönlicher Favorit -- ,,benamte Datenröhre`` für named pipe), aber nichts spricht dagegen, ein keyboard ,,Tastatur`` und die hard disc ,,Festplatte`` zu nennen.

  7. Nur Laffen benutzen HTML-Mails. Gegen die Verwendung von HTML-Tags in Mails und Postings spricht mehreres:
    1. Der Text wird unnötig aufgebläht.
    2. Nicht jedes Mailprogramm versteht HTML-Sequenzen. Dies ist bisweilen sogar vom Benutzer aus Sicherheitsgründen ausdrücklich so gewollt. Selbst wenn der Benutzer keine Bedenken hat, ist es möglich, dass er hinter einer Firmenfirewall sitzt, die solche Mails zurück weist.
    3. Es gibt kaum einen Anwendungsfall, in dem solche Sequenzen wirklich benötigt werden.
    Auch hier ein einfacher Merksatz: Echtes Können offenbart sich gerade darin, auf besondere Verzierungen eines Textes zu verzichten.
  8. Kurze Signaturen. Die meisten Mailer bieten die Möglichkeit an, eine Mail mit einem Standard-Ende, einer sogenannten Signature zu versehen. Diese wird mit zwei Bindestrichen, einem Freizeichen und einem Zeilenwechsel vom Rest des Textes abgetrennt, damit sie von anderen Mailern als Signatur erkannt und gegebenenfalls nicht angezeigt wird. Die Signatur selbst sollte keinesfalls länger als vier Zeilen sein und nach Möglichkeit irgendeinen Sinn ergeben. Selbst der intelligenteste Sinnspruch lässt nach dem hundertsten Zitieren etwas nach. Am besten sind Hinweise auf Telefonnummer, Postadressen und ähnliches.
  9. Kurze Texte. Das ist eine generelle Empfehlung, die natürlich nicht immer eingehalten werden kann. Es gibt einfach Sachen, die nicht in vier Sätzen gesagt sind. Vor allem im Usenet aber haben Nachrichten, die auf eine Bildschirmseite passen, eine weit größere Chance, gelesen zu werden, als mehrseitige Texte. Oftmals überfliegt der Leser nur die Betreff-Zeile und die ersten Sätze eines Textes. Wenn hier nichts steht, was ihn wirklich interessiert, springt er zum nächsten Text.


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Jochim Rolf Selzer 2003-03-14