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Zensierung von Netzinhalten
Auf den ersten Blick scheint die Sache klar: Nazis und Pornos raus aus dem
Netz! Aber ist es wirklich so einfach? Vor allem die Bewertung politisch
umstrittener Inhalte erscheint mir höchst problematisch.
- Allein das Lesen eines Textes macht den Leser nicht zum Verfasser. Oder
anders gesagt: Ich kann zehnmal ,,schöner wohnen`` lesen, und aus mir wird
dennoch kein Ledersofa.
- Komischerweise haben die gleichen Leute, die sofort entsetzt
aufschreien, wenn eine Ausgabe von ,,radikal`` verboten wird, nur weil da
einer schreibt, wie man Castor-Transporte zum Entgleisen bringen kann,
keinerlei Probleme, das Verbot von rechtsradikalen Blättern zu fordern,
deren Inhalte nur geringfügig anders sind. Meinungsfreiheit ist also nur so
lange Meinungsfreiheit, so lange es die Freiheit meiner Meinung ist.
- Misstrauisch sollte auch die von den Zensurbefürwortern oft an den Tag
gelegte Geisteshaltung machen: Sie selbst hätten diese Inhalte ja
natürlich rein zu Studienzwecken ansehen müssen, seien aber durch
ihre hervorragende humanistische Bildung gegen deren negative Auswirkungen
gefeit. Ihre Sorge gelte vielmehr den Anderen, die diese geradezu
übermenschliche Resistenz nicht aufwiesen.
- Zumindest bei Volljährigen muten mir Bemutterungsbestrebungen
etwas bizarr an. Diese Menschen dürfen ihre eigene Regierung wählen, sich
sogar wählen lassen, dürfen Kinder in die Welt setzen und als Soldaten im
nächsten Krieg auf alles schießen, was die falsche Uniform trägt. Und
diesen Menschen trauen wir nicht zu, dass sie den Wert eines Berichtes
einschätzen können, der die Toten von Auschwitz leugnet? Haben wir denn
die Weisheit gepachtet? Womit maßen wir uns an, zu beurteilen, was gut und
was schlecht für sie ist?
- Verteufelung macht neugierig. Wenn mir jemand sagt ,,Sieh das ja nicht
an, denn das ist ganz, ganz böse``, dann will ich doch erst recht wissen,
was auf diesen Seiten steht. Meine Phantasie überschlägt sich gerade in
Vorstellungen, was mich auf diesen Seiten erwartet. Wenn ich nie die
Gelegenheit habe, festzustellen, dass dort eigentlich nur das wirre
Geschwafel geistiger Dackelzüchter steht, werde ich immer an die Mär der
geheimnisvollen Wunderseite glauben. Kurz: Wer erst einmal seine Neugier
befriedigt hat, wird gelangweilt die Finger von solchem Zeugs lassen.
- Niemand wird gezwungen, sich diesen Kram anzusehen. Es kommt ja auch
keiner auf die Idee, einen Kiosk schließen zu wollen, weil dieser neben dem
,,Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt`` auch noch den ,,St. Pauli Report``
verkauft.
- Verteufelung ist ein Zeichen von Schwäche. Wenn auf den Naziseiten so
riesengroßer Unfug steht, warum scheue ich dann die Auseinandersetzung mehr
als der Satan das Weihwasser? Wenn meine Argumente wirklich was taugen,
sollten sie doch den Anfeindungen der Nazis problemlos widerstehen
können. Wovor habe ich also Angst?
Die Antwort auf umstrittene Inhalte kann nicht in deren Verbot bestehen,
sondern im Erlernen, mit ihnen umzugehen. Genauso wie Jugendliche den Umgang
mit Alkohol und ihrer eigenen Sexualität erlernen, müssen sie Erfahrungen
mit den dubioseren Seiten des Netzes sammeln können. Es gibt in der
Bundesrepublik bedeutend mehr Alkoholiker als Nazis. Jährlich sterben mehr
Menschen durch Alkohol als durch rechtsradikale Übergriffe. Trotzdem wird
Alkohol nicht verboten, sondern den Menschen zugestanden, verantwortlich damit
umzugehen. Täglich werden Menschen Opfer von sexueller Gewalt. Wird deshalb
der Geschlechtsverkehr verboten? Nein, aber Jugendliche werden rechtzeitig
aufgeklärt. Wenn es dann soweit ist, sitzt kein Pädagoge daneben
und erklärt wie's geht, sondern man hofft, vorher ausreichend informiert zu
haben.
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Jochim Rolf Selzer
2003-03-14