Nächste Seite: Was man folglich bedenken
Aufwärts: Probleme
Vorherige Seite: Was schief gehen kann...
  Inhalt
  Index
Oft werden Netzauftritte von hoch motivierten Leuten und mit den besten
Absichten in Angriff genommen. Diese investieren viel Zeit und Mühe in die
Gestaltung von Webseiten. Allerdings unterlaufen ihnen dabei häufig
vermeidbare Fehler, die im günstigsten Fall ihre Seiten einfach nur
abschreckend, im ungünstigsten Fall es schlicht unmöglich machen, sich die
Seiten auch nur anzusehen.
Zu den beliebtesten Patzern zählen:
- Um den Seiten ein möglichst peppiges Aussehen zu verleihen, werden
möglichst viele Grafiken darauf plaziert. Dabei erreichen die Autoren
häufig aber das Gegenteil, denn ein Übermaß an grafischen Elementen
macht eine Seite nur unübersichtlich. Einen besonders laienhaften
Eindruck hinterlassen dabei
animierte Grafiken, die zwar lustig anzuschauen sind, auf die Dauer
aber den Leser ablenken und albern wirken. Gleichzeitig sinkt aber
auch rapide die Bereitschaft der Leser, die Seiten überhaupt zu laden,
weil Grafiken in der Regel viel Speicherplatz verbrauchen und entsprechend
lange Ladezeiten besitzen. Und da momentan für deutsche Internet-Nutzer
Zeit auch viel Geld bedeutet, zählt buchstäblich jede Sekunde, die eine
Seite schneller geladen wird.
- Ein weiteres weit verbreitetes Vorurteil lautet, dass ,,bunt`` auch
gleich ,,schön`` bedeutet. Also wird ein möglichst bunter
Seitenhintergrund und eine vielfältige Auswahl von Schriftfarben
getroffen -- mit dem Effekt, dass die Lichteffekte eines Michael
Jackson-Konzerts dagegen wie ein Hort der Ruhe wirken. Häufig genug
lassen sich wegen mangelnden Kontrastes die Texte nicht einmal lesen.
- Irrigerweise wird davon ausgegangen, dass alle Internet-Nutzer
Microsoft-Produkte nutzen. So liegen Texte beispielsweise als
Word-Dokumente vor, die nur von der gerade aktuellen Fassung gelesen
werden können und Grafiken können nur von teuren kommerziellen
Programmen weiter verarbeitet werden. Richtig wäre hingegen. Texte
entweder als reine ASCII-Datei oder, wenn es
mehr auf die Gestaltung
ankommt, als DVI,
PDF, PostScript HTML
anzubieten. Für diese
Formate gibt es auf allen zur Zeit gebräuchlichen Betriebssystemen
kostenlose Programme, welche diese Dateien lesen können. Bei
Grafiken sind PostScript und JPEG Standardformate.
- Ohne Not werden aufwendige Java-Scripte
gestartet. Einerseits zwingen diese so manche etwas schwachbrüstigere
Maschine in die Knie, andererseits wird Java auch nicht unbedingt von
allen Browsern vernünftig unterstützt. Am schwersten wiegt allerdings
das Argument, dass schlecht implementiertes Java ein erhebliches
Sicherheitsrisiko darstellt und
deshalb von sicherheitsbewussten Internet-Nutzern häufig abgestellt
wird. Für die meisten Internet-Angebote kommt man auch problemlos ohne
Java aus.
- Seiten werden nachlässig gewartet. Das Internet ist ein schnelles
Medium, das ständig in Bewegung ist. Umso peinlicher wirkt es da, wenn
Seiten offenbar seit Monaten nicht mehr gepflegt wurden und inhaltlich
total veraltet sind. Ein ebenso fader Eindruck bleibt, wenn Emails
tagelang nicht beantwortet werden. Doch auch das ist noch
steigerungsfähig, indem auf den Webseiten entweder überhaupt keine
Kontaktmöglichkeit angeboten wird oder nur postalische Adressen und
Telefonnummern auftauchen.
Wollte Gott, ihr schwieget, so wäret ihr weise. (Hiob 13,5)
Ein Narr, wenn er schwiege, würde auch für weise gerechnet und
verständig, wenn er das Maul hielte. (Sprüche Salomonis 17, 28)
Insbesondere bei kirchlichen Angeboten kommt ein weiteres Problem hinzu: Die
Seiten werden in der Regel von Ehrenamtlichen oder Pastoren in ihrer Freizeit
verwaltet. Ihre zeitaufwendige und unbezahlte Tätigkeit macht sie besonders
empfindlich gegenüber Kritik. Verbesserungsvorschläge werden sofort als
persönliche Beleidigung angesehen. Allein die Tatsache, dass sie
lange für etwas gebraucht haben, heiligt in ihren Augen das
Ergebnis. Dass man in viel Zeit auch viel falsch machen kann, entgeht ihnen.
Gute Tipps, wie die schlimmsten Fehler vermieden werden können, finden sich in
[Him99].
- Das nordelbische Jugendpfarramt am Koppelsberg startete die Kampagne
,,Mehr als ja und amen``. Zu diesem Zweck wurden auf der Homepage eine
Sonderseite eingerichtet. Hier wurden auch verschiedene Arbeitsmaterialien
angeboten. Unter anderem gab es eine Diskette, die laut Eigenwerbung
verschiedene Informationstexte und Grafiken enthalten sollte. Tatsächlich
befand sich kein einziger Text auf der Diskette, die Grafiken bestanden aus
einer winzigen Bitmap-Datei, die beim Vergrößern völlig unansehlich wurde
und einer CorelDraw-Datei, die selbst von Computern, auf denen dieses
Programm installiert war, nicht gelesen werden konnte. Eine
Email, die auf dieses Manko hinwies, wurde als ,,Unverschämtheit``
aufgefasst und blieb bis zum heutigen Tag unbeantwortet.
- Der deutsche evangelische Kirchentag in Stuttgart hatte einige optisch
ansprechende, informative, wenn auch etwas unübersichtlich gestaltete
Seiten. Unschön ist allerdings vor allem zweierlei: Einerseits wurde für
die Dauer des Kirchentags das Abonnement eines täglichen Newsletters
angeboten. Allerdings funktionierte der entsprechende Link nicht. Zum
Zweiten fand sich -- was sehr erfreulich ist -- eine breite Sammlung von
Texten, die deren Verfasser zur Veröffentlichung freigegeben hatten. Die
mangelnde Übersicht mag man noch verzeihen, immerhin wurden diese Texte
unter enornem Zeitdruck ins Netz gestellt. Unverständlich bleibt
allerdings, weshalb die Texte ausnahmslos als Word-Dateien in der neuesten
Version angeboten
wurden, man also weder die Möglichkeit hatte, einen kurzen Blick in die
Dokumente zu werfen, bevor man sie lud, noch Microsoft-lose Computer ohne
weiteres mit diesen Dokumenten klarkamen. Selbst bislang glückliche
Besitzer älterer Word-Versionen sind gezwungen, sich erst von den
Microsoft-Seiten ein entsprechendes Leseprogramm zu kopieren. Nun ist es
nicht etwa so, dass auch nur eine Fähigkeit von Word97 bei der Erstellung
dieser Dokumente genutzt wurde. Die Dateien ließen sich ohne
Informationsverlust in das RTF übertragen. Darüber hinaus werden reine
Fließtexte durch eine Textverarbeitung in ihrer Dateigröße unnötig
aufgebläht, Ladezeiten also künstlich in die Höhe getrieben. Auf die
Idee, die Dateien einfach zu komprimieren, war niemand
gekommen.
Die in Kapitel
angesprochene Gefahr der weltweiten Blamage ist
dabei durchaus real. Es haben sich Gruppen gebildet, die das Netz
gezielt nach stümperhaft gemachten Inhalten durchsuchen und diese gnadenlos
dem Gespött preisgeben. Für den deutschsprachigen Raum seien hier
beispielhaft die
,,Müllseite des Monats``
und der
,,Warmduscher der Woche``
erwähnt.
Fazit: Für Einrichtungen mit Internet-Anschluss ist nur eins schlimmer
als keine Homepage: Eine Homepage.
Nächste Seite: Was man folglich bedenken
Aufwärts: Probleme
Vorherige Seite: Was schief gehen kann...
  Inhalt
  Index
Jochim Rolf Selzer
2003-03-14